Buchprojekt CU IRL – die ersten Seiten

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Buchprojekt CU IRL – Bis dann im richtigen Leben (AT)

„Hey Hase!“ Zwinkersmiley. Susanne drückte auf Enter und genoss das leicht flatternde Gefühl im Magen, das sie immer überkam, wenn sie mit Christoph auf lovescout chattete. Gespannt verfolgte sie die blinkenden Pünktchen, die anzeigten, dass Christoph tippte. „Heyyyy sexy bunny…. alles klar?“ Susanne lächelte. Sexy Bunny… wenn sie jemand im richtigen Leben so genannt hätte, hätte Susanne sich an die Stirn getippt und den Typ bestenfalls ausgelacht. Sie hätte vielleicht etwas übertrieben laut gelacht, damit allen klar würde, dass sie sich keinesfalls für sexy hielt. Und dass es nur ein Witz sein konnte, wenn jemand eine übergewichtige Person wie sie als „sexy bunny“ bezeichnete.
Christoph und sie hatten diese kleinen Begrüßungs-Rituale, diese vertraute Sprache miteinander, wie sie die meisten Paare mit der Zeit entwickeln. Er hatte Susanne von Anfang an gefallen. Ihren schwarzen Humor konterte er mit seinen trockenen Sprüchen, er war schlagfertig, witzig, klug. Mittlerweile waren sie über die Phase des bloßen Quatsch-Erzählens hinaus. An einem tristen, verregneten Abend, an dem Susanne mit einem Glas Wein in der Hand vor dem Rechner gesessen hatte, hatte Christoph gefragt, was sie an hatte. Susanne zuckte innerlich kurz zusammen bei dem Gedanken, dass er sich anscheinend ihren Körper vorstellte. Dann machte sie sich bewusst, dass Christoph nicht mit Susanne chattete, sondern mit Sunny Emm, ihrem Online-Profil.
Susanne war sicher, dass es auf der ganzen lovescout-Platform nicht ein Profil gab, das nicht geschönt war. Sie hatte kein schlechtes Gewissen, immerhin hatte sie nicht irgendein Bild von einem Model als ihr Profilbild eingestellt, es war tatsächlich ihr Bild. Man konnte sie im Prinzip schon erkennen, sie hatte eben nur die Schwachstellen begradigt. Das hieß vor allem, dass sie etliche Röllchen hatte verschwinden und Pölsterchen schmelzen lassen, bis sie fraulich, aber eben nicht übergewichtig erschien. Entsprechend musste sie das Gesicht natürlich auch verschlanken, dabei nahm sie noch eine kleine Nasenkorrektur vor und gab ihren Haaren etwas mehr Volumen. Susanne fand ihre Optimierungen eigentlich ganz harmlos, sie war immer noch Susanne, aber eben in einer verbesserten Version. Susanne zwei Punkt null, genannt Sunny Emm. Susanne gefiel ihr neues Ich so gut, dass sie es auch als Profilbild für ihre Webseite als Texterin und ihren Blog benutzte. Online war sie nun Sunny Emm und sah aus wie eine Mischung aus Claudia Schiffer und einem niedlichen Plus-Size-Model. Da sie ihre Texter-Aufträge per Mail und Telefon abwickelte, kam es nie zu irgendwelchen peinlichen Konfrontationen. Manchmal hatte sie Albträume, in denen Auftraggeber sie treffen wollten und dann beim Treffen an ihr vorbei liefen, als könnten sie sie nicht sehen. Oder völlig entsetzt waren bei ihren Anblick und ihr vorwarfen, sie belogen und betrogen zu haben. Dann wachte sie nass geschwitzt und mit klopfendem Herzen auf und meistens musste sie einen Riegel Schokolade essen, um sich zu beruhigen. Im Grunde war es für ihren Job ja völlig egal, wie sie aussah. Sie konnte auch fett eine gute Texterin sein. Aber sie bildete sich ein, irgendwie kompetenter und zielstrebiger zu wirken in dünn. Ihr gefiel die Vorstellung, dass ihre Kunden sie als Sunny Emm attraktiv fanden, dass sie Sunnys Bild vor Augen hatten, wenn sie mit ihr telefonierten.
Nach dem ersten Schreck, dass Christoph wissen wollte, was sie an hatte – grüne Jogginghose mit einem Schokofleck auf dem Oberschenkel, graues Shirt mit Katzenaufdruck- lächelte Susanne und stellte sich vor, was Sunny Emm abends so trug. Sie entschied sich für bequeme Lounge-Wear in bordeaux-rot, aber mit champagnerfarbener Spitzenunterwäsche drunter. Christoph sprang total darauf an und ihr Chat nahm nach ein paar flirtiven Kurven blitzschnell die Autobahn nach Dirty Talk. Es war Susannes erster Online-Sex und zu ihrer eigenen Überraschung war es gar nicht so übel. Sie hatte immer gedacht, sie würde sich vor Lachen nicht einkriegen, wenn ein Typ ihr erotische Dinge texten würde. Vielleicht lag es auch ein bisschen am Rotwein, aber nachdem sie beschlossen hatte, sich auf die Sache einzulassen, fand sie es tatsächlich ganz schön prickelnd. Natürlich war Christoph auch ein ziemlich heißer Typ, wenn sie den Fotos auf seinem Profil Glauben schenkte. Da machte es schon Spaß, sich vorzustellen, wie sie ihn auf ihrer Couch verführte, wo sie sonst zwischen den kuscheligen Kissen höchstens eine zu große Portion Eiscreme vernaschte. Seit ihre Online-Begegnungen diese Intimität erreicht hatten, schrieb Christoph sie zum Beispiel mit „Sexy bunny“ an und Susanne fragte sich immer öfter, wie Chris wohl im richtigen Leben war. Er war auf jeden Fall zu witzig und klug, um auch noch gut auszusehen! Witzig und klug ließ sich nicht so leicht vortäuschen, deshalb tippte sie, dass auch er bei den Fotos ordentlich gefaked hatte. Wahrscheinlich war Chris in Wirklichkeit klein, schwabbelig und hatte eine Halbglatze. Susanne versuchte sich immer wieder vorzustellen, wie sie ihn dann finden würde. Und sie versuchte sich umgekehrt vorzustellen, wie sie auf ihn wirken würde, wenn er sie im richtigen Leben träfe. Sie schämte sich ein bisschen vor sich selbst, wenn sie dachte, dass sie mit einem schwabbeligen Christoph niemals so weit gegangen wäre. In ihrem Kopf war Chris nun mal groß, sportlich, mit breiten Schultern. Er hatte ziemlich kurze Haare, kurz auf die sexy Art, die das markante Gesicht betonten und die Augen strahlen ließen. Kurz, ein Mann, der sich vielleicht für Sunny, aber niemals für Susanne interessieren würde. Susanne seufzte. Wieso war die Welt nur so scheiß-oberflächlich, sie inklusive? Und warum konnte es nicht überall so laufen wie online: Jeder war, was und wie er sein wollte, ohne die Hässlichkeiten des wirklichen Lebens? Sexy Bunny seufzte und tippte: „Alles klar, aber könnte etwas Aufmunterung gebrauchen.“ Frecher Smiley. Susanne lächelte. Meistens ließ Chris sich nach so einer Vorlage etwas einfallen. Und tatsächlich: „Aufmunterung? Ich könnte dir ein Bad einlassen mit einer dieser Badepralinen, die du so magst. Ich stelle mir vor, wie du deine Sachen abstreifst und in die Badewanne steigst…“ Susannes Lächeln wurde breiter, sie überlegte, was sie antworten sollte, um es ihm nicht zu einfach zu machen. Das Klingeln des Telefons riss sie aus den Gedanken. Mist, immer im falschen Moment. Genervt sah sie aufs Display, es war ihre Schwester Kaja, auch das noch. „momtel“ tippte sie in den Chat, bevor sie den Anruf annahm. „Hast du schon wieder deine Klingel aus?“ tönte Kajas forsche Stimme aus dem Hörer. Susanne fühlte sich, wie immer, wenn Kaja irgendetwas bemängelte, ertappt. „Ja, kann sein. Tag auch.“ „Du kommst noch um in deinem Schneckenhaus. Mach mal auf, ich stehe vor der Tür!“ Susanne schnappte nach Luft. „Jetzt?“ Typisch Kaja. Sie tauchte überfallartig auf und erwartete, dass man für sie alles stehen und liegen ließ. „Du hast doch sowieso nichts vor, los, es geht um Moms Geburtstag!“. Susanne gab sich geschlagen. Sie legte auf und tippte mit ehrlichem Bedauern: „Sry, überfall von schwester, bs!“ in den Chat.  Kaja würde sich nur an die Stirn tippen, wenn Susanne ihr erklärte, sie hätte gerade online ein Date und könnte deshalb nicht aufmachen. Sie räumte den Laptop beiseite und öffnete Kaja die Tür. ……